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1. Juli 2013

Wie habe ich schreiben gelernt

Filed under: Alle Kategorien — Schlagwörter: , — Erzsebet Ady @ 14:52

Ferenc Móra (1879-1934)

Ferenc (Franz) Móra *Kiskunfélegyháza, 17.07.1879 +Szeged, 02.08.1934, ungarischer Romancier, Erzähler, Kinderbuchautor, Dichter, Journalist. Er wuchs in sehr armen Verhältnissen auf, sein Vater war Kürschner und Landwirt. Seine Studien absolvierte er in Kiskunfélegyháza und Budapest. Anfangs arbeitete er als Lehrer, dann war er Bibliothekar in Somogy,   Redakteur bei Szegedi Napló (Szegeder Tagebuch), von 1913  bis 1919 Chefredakteur, ab 1917 Museum Direktor in Szeged. Sein Talent, seine lebhafte Fantasie, sein Interesse für Literatur und Geschichte zeigte sich bei ihm bereits im Kindesalter. Seine Eltern hatten ihn richtig erkannt, und damals noch Kreuzer auf Kreuzer gelegt für eine gute Schulausbildung des Jungen. Es hat sich gelohnt.

Hier eine nette Episode aus  seinem autobiografischen Roman:

„Von der Kranichstraße bis zur Ferenc  Móra Straße“

Wie habe ich schreiben gelernt?

In jenem Jahr folgte dem sonnenbeschienenen Herbst  ein ganz brutal harter Winter. Unser Haus wurde von großen Schneeverwehungen begraben. Man konnte nicht rein, nicht raus. Sonntage wie Wochentage waren gleich, kein Lebewesen geriet in unsere Gegend, und ich hatte keinen anderen Spaß, als dem Heulen der Winde zuzuhören. Die Winde waren schon sehr an unseren Dachboden gewöhnt, und ich erkannte sie bereits an ihren Sprachen, welcher ist der Nordwind, oder Südwind, welcher weht von der Donau, welcher von der Theiß. In schlaflosen Nächten hörte ich viel zu, wie die Windgeschwister sich auf dem Schilfsdach verkrachten, und schmetternd,  brausend sich jagten, rein, raus durch die Luftlöcher.

Einmal beschloss ich auch, dass ich mich neben dem Kamin verstecke, und mich den Windjungen auf die Lauer lege. Besonders mit dem orientalischen Wind hätte ich gerne Freundschaft geschlossen, denn von dem erzählte mir mein Freund Gyurka Messzi, der alte Feldhüter, dass er der Lieblingssohn der Morgenröte wäre. Er erscheint in rotem Mantel gehüllt und hat eine Krone. Natürlich kann der Mensch den Wind nicht in allen Farben sehen, nur seinen Atemzug spüren, doch, wenn man ihm ein Federgras so über den Weg hinlegen kann, dass es nicht fortschwebt, und er darüber stolpert, zeigt er seine menschliche Natur.

Einmal so gegen Sonnenuntergang zog ich tatsächlich aus dem auf das Maria Bild gehängtem Strauss ein Federgras, dann schlich ich in die Küche, öffnete dort die Tür zum Dachboden, und setzte mich in Aufwärtsbewegung. Durch die geöffnete Tür kam aber der Wind viel schneller abwärts, als ich aufwärts. Er stieß mich so grob rücklings, dass es zu einem Prinzen wahrlich nicht passte. Beim Fallen riss ich von der Treppenstufe irgendeine, vergessene, kaputte Schachtel voll mit verrosteten Nägeln mit. Ich empfing es so, als ob der Windkamerad  mir diese als Geschenk hätte hinterher geschmissen.

Ihr wisst ja, mit einem einzigen Nagel kann man schon sehr schön spielen, dann noch mit einer Handvoll davon! Alleine das dauerte eine Woche, bis ich den Rost von denen entfernte. Dann zog ich den kleinen Stuhl für Kukuruzbröseln unterm Bett hervor,  hämmerte die Nägel in den Stuhl hinein, und zog  sie wieder mit einer Greifzange heraus. Als ich fertig war,  fing ich das Ganze von vorne an, und gab jedem Nagel  auch einen Namen. Ein großer Rundkopfnagel war der Hundköpfige Tatar, darauf schlug ich immer besonders energisch zu.

Es war ein wirklich großartiges Spiel, aber zum Schluss war der Stuhl derartig  durchgelöchert, wie ein Sieb. Nachher  versuchte ich die Nägel in den Schopfkamin hineinzuhämmern, doch das gefiel mir nicht besonders, weil diese in der Lehmwand viel zu  leicht  hafteten, und sie fielen wieder auch zu leicht heraus.

Aber dieses Vergnügen gefiel nicht nur mir nicht, sondern auch meiner Mutti nicht. Als sie bemerkte, was ich meistere, tadelte mich sanft, warum tue ich dem Kamin Weh, wenn der Kamin mir auch kein Weh tut?

Kamin? – schaute ich sie verwundert an. – Aber wer tut Weh dem Kamin? Ich schlug dem  alten Riesen Nägel in seinen Bauch, der Hänsel und Gretel verschlungen hat.

Meine Mutti schüttelte angstvoll ihren Kopf, und wandte sich klagend zu meinem Vater, der leise vor sich hin flötete und die Schafspelz Kleidungstücke nähte.

Schauen Sie doch Papa, was klügelt sich  dieses närrische Kind aus. Ich habe Bedenken, dass bei meinem armseligen Kind sein Gehirn nicht ganz so recht dient, wie bei anderen normalen Menschen.

Es könnte etwas daran  gewesen sein, denn ich glaubte damals noch von dem Maiskolben, dass der irgendjemand ist, und mit der Türklinke konnte ich genauso plaudern, wie mit dem Mörser. Für mich war alles auf der Welt Lebewesen, und ich hatte immer ganz klar verstanden, was die Uhr tickt, und was denkt sich auf das Zifferblatt der Uhr gemalter Löwe in schönem nationalfarbenen Pelz, zwischen zweimal so großen Klatschmohnblüten, wie er selbst ist.

Zum Beispiel auch in diesem Moment, als meine liebe Mutti mich so unruhig betrachtete, hörte ich, dass der Waldkauz draußen auf dem Hausdach miaute, und ich wusste auch gleich, was dem armen Waldkauz fehlte. Sein Problem war, dass er seine Okulare fallen ließ, und weinte, weil niemand in der Nähe war, der diese ihm nach oben hätte reichen können, und selbst konnte er nicht herunter laufen, denn er konnte den Weg ohne Brille nicht sehen. Ich fühlte großes Mitleid mit ihm, und wäre gerne hingelaufen, um ihm zu helfen, aber im gleichen Moment  winkte mein lieber Vater mich zu sich. Er fragte mich, was würde ich meinen, wenn er mich zum Hutmacher Kese zur Schule schicken würde.

Weil deine Zeit ist schon gekommen, mein Kind, und so dumm kannst du doch nicht aufwachsen, wie der wilde Sauerampfer auf dem Weg entlang, der über Stock und Stein wächst.

Ich glaube, damals wurde ich das erste Mal in meinem Leben nachdenklich. Mit einem Ohr hatte ich schon das eine oder das andere  über Hutmacher Kese gehört, aber diese waren nicht besonders herzbewegende Sachen. Der gute Mann war nur im Sommer Hutmacher, im Winter trat er als Lehrer auf. Natürlich er war  nur so ein wilder Lehrer. Arme Leute vertrauten seinen Händen ihre Kinder an, für die die richtige Schule zu weit entfernt, oder zu teuer war. In der Schule bei Hutmacher Kese brauchte man kein Buch, kein Heft. Er schrieb das Alphabet mit Kreide auf die obere Hälfte seiner Türe, und das Kind zeichnete die Buchstaben solange auf die untere Hälfte, bis es ein Schriftgelehrter wurde. Man konnte bei ihm alle Buchstaben erlernen, nur das y nicht. Der Hutmacher meinte, das y ist kein ungarischer Buchstabe, deshalb hatte er es auch nicht unterrichtet. Wer aus seiner Schule als Gelehrter hervorkam, konnte man daran erkennen, dass er alles mit i geschrieben hat, nicht mit y.

Ich hielt keine Schule für ein gutes Spiel. Wozu ist überhaupt die Schule gut? Die Goldamseln gehen auch nicht in die Schule, die Eidechsen auch nicht, trotzdem kommen sie ganz gut durchs Leben. Mein lieber Vater ging auch nicht in die Schule, dennoch kann er solch einen schönen Vogel auf den Schafspelz verzieren, dass er beinahe zu singen anfängt. Und dann erzählte mir Gyurka Messzi von mancherlei berühmten Prinzen, aber von keinem erzählte er, dass er in die Schule gegangen wäre. Sie waren alle ausgezeichnete Helden gewesen. Sie hatten die Drachenköpfe so mühelos abgeschlagen, wie ich die Klatschmohnköpfe, jedoch das habe ich nie gehört, dass sie gelesen oder geschrieben hätten. Selbstverständlich liest der Mensch, liest wie viel Eier legt das Huhn jeden Tag, wie viel schlägt die Kuckucksuhr, wir lesen die Ähren, die Beeren, den Wein, aber dafür lohnt es sich noch nicht zur Schule zu gehen. Ja gut schreiben, der Mensch schreibt auch mit der Kürschnerkreide auf die Kiste, oder mit gelber Erde allerlei schöne Pferde, Husaren auf die Hauswand, gehängte Menschen, aber das hat alles seinen Sinn. Dagegen irgendwelche Kritzeleien, die mit nichts auf der Welt Ähnlichkeit zeigen, wofür soll man solche unsinnige Sachen machen?

– Ich möchte, mein Kind, dass  ein Mensch aus dir wird – holte mich mein Vater zurück aus meiner großen Verschwiegenheit, in die ich versunken war, während ich all diese Gedanken pflegte.

Bestimmt, das werde ich mein lieber Vater – antwortete ich plötzlich, und was ich noch sagen wollte, schluckte ich besser runter. Dass aus mir ein Mensch wird,  und auch nicht ein kleiner. Ein Ritterlicher großer Herr. Wenn ich einmal bloß die Schätze finden könnte, die nur der Hexenmeister Küsmödi kennt.

Natürlich Küsmödis  Schätze hätten mich  vor Kese Hutmachers Schule auch nicht gerettet, wenn meine liebe Mutter mich nicht gerettet hätte. Sie nahm mich zu sich auf ihren Schoß, und streichelte liebevoll über meinen Wuschelkopf.

Doch in so einem Winter lasse ich mein armes Kind nicht aus dem Haus. Mein zartes Blümchen, wie sollte ich ihn bei diesem wilden Wetter rauslassen! Bei Eis und Schnee herumstolpern, wie könnte ich! Er würde stürzen im Schnee, ausrutschen auf dem Eis. Böse Kinder könnten ihn treiben, jagen, Hunde zerfetzen. Die Wissenschaft von Hutmacher Kese kann er auch noch im Sommer erlernen. Na und soviel kann ich auch, wie dieser alte Luftikus. Keine Angst mein Schätzchen, ich bringe dir das Lesen und Schreiben so gut bei, dass du es noch in deinem Bischofsalter nicht vergessen wirst.

Das wollen wir mal sehen, lachte mein Vater. Ich dachte selbst auch,  na das möchte ich sehen, wie macht meine liebe Mutter aus mir einen  gelehrten  Menschen.

Und das hat sie wohl gemacht, mit einem Kniff, der nur aus Mutterherzen kommen kann.

Wie sehr auch immer der Schopf beheizt wurde, war das Fenster im Mühlenzimmer  während des ganzen Winters zugefroren. Und dieses vereiste Fenster war meine Schiefertafel, und der Ringfinger meiner Mutter war dazu der Griffel. Wird es jemals auf der Welt aus Diamanten geschnitzten Griffel geben, der teuerer sein könnte, als in der Arbeit braun gewordener, in eisigen Wässern erröteter, durch scharfen Winden rau, wie Reibeisen gewordener dünner Finger, der nach Kochen, Backen, Spülen, Waschen unermüdlich auf mit  Eisblumen bedeckter  Fensterscheibe klopfte? Und wird es  jemals auf der Welt einen Schönschreibermeister geben, der das hin und her rutschende mal rücklings, mal auf die Nase fallende, komische Kribskrabs nachmachen könnte, welches wie launenhafte Fußstapfen der auf  Schlitten sausenden Feen ähnelt.

Wir haben viel geweint, und viel gelacht  in jenem Winter. Es waren böse, sture, starrköpfige Buchstaben, die sich auch unserem Lehrmeister nicht beugen wollten, und es waren liebe, brave, freundliche Buchstaben, welche meine ungeschickten Finger auch gleich  herzaubern konnten. Dem Buchstaben g werde ich jene Tränen, welche aus den teuersten Augen der Welt seinetwegen fielen, nie verzeihen. Und auf den Buchstaben o werde ich immer so denken, wie auf einen für Segen geöffneten Mund. Den mochte ich am meisten, weil dieser am leichtesten war. Den konnte ich auch mit meinem Mund schreiben, ich musste nur von ganz Nahe aufs Fenster hauchen. Doch einmal ist meine Nasenspitze drauf gefroren, aber mein Vater hat mich sofort getröstet: es bleibt noch genug davon übrig, wenn auch die Hälfte drauf friert.

Aus der Welt hatte ich in diesem Winter nur soviel, wie viel ich durch die ins Eis gekratzten Buchstaben zu sehen bekam. Erfrorene Vögel im Schnee,    die Reisig sammelnden Zigeunerkinder des Barons, manchmal einen erschrockenen Hasen. Einmal sah ich auch Küsmödi in der Leiter des Buchstaben    H

An diesem Abend kratzte ich dieses Wort in die Eisblumenfelder ein:

Ƨ c h a t z

Mein Vater stellte sich mit dem Öllicht hinter mich hin, damit er besser sieht, was ich werke. Die Schatten der Buchstaben erschienen wie Riesen auf dem Schnee, und zitterten so, wie irgendwelche Zauberschrift.

Du, das S hast du andersrum geschrieben  – lachte mein Vater – schau, so muss man  das   schreiben.Dann schnitt er mit seiner Nähnadel ein reguläres S ins Eis auf dem Fenster.Aber ich schüttelte schlau meinen Kopf, mich kann man nicht so einfach hinters Licht führen. Ich weiß genau, dass das Richtige ist, was mir meine liebe Mutti beigebracht hat.

Und wenn ich schnell schreibe, kommt es auch jetzt häufig vor, dass ich das S umgedreht schreibe, wie man oft auf dem Firmenschild der Schneider auf dem Lande sieht. Und wenn ich den Fehler entdecke, füllen sich meine Augen immer mit Tränen, und  küsse mit meinem Herzen die alte, faltige Hand, welche mir den Schlangenbuchstaben zuerst gezeigt hatte.

 

7 Comments

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